6. Mai 2005
Auf dem nur 212 Kilometer großen Saturnmond Phoebe finden sich
viel mehr unterschiedliche chemische Elemente und Moleküle als
bislang angenommen. Dies ist das Ergebnis einer Auswertung von Phoebe-Spektrometerdaten,
die von der amerikanischen Raumsonde Cassini aufgezeichnet wurden. Die
Zusammensetzung von Phoebe unterstütze die Theorie, so der Schluss
der Forscher, dass der kleine Saturnmond nicht gemeinsam mit dem Ringplaneten
entstanden ist, sondern seinen Ursprung weiter außen im Sonnensystem
hat, nämlich im so genannten "Kuipergürtel" zwischen
Neptun und Pluto. Erst später sei er von der Schwerkraft Saturns
eingefangen worden.
"Die VIMS-Daten zeigen, dass Phoebes Oberfläche hauptsächlich
aus Wassereis besteht, das mit Kohlendioxid, hydratisierten Mineralien,
wie sie auf der Erde etwa in Lehm und Ton vorkommen, sowie mit einigen
bisher noch nicht identifizierten Verbindungen vermischt ist",
berichtet VIMS-Teammitglied Dr. Ralf Jaumann, der einen Großteil
der Studien im VIMS-Center in Tucson/Arizona durchgeführt hat.
"Wir sehen in den Spektren auch die Spuren von primitiven organischen
Verbindungen, also Kohlenwasserstoffmolekülen." Die Oberflächenzusammensetzung
zeigt wenig Ähnlichkeit mit den zwischen Mars und Jupiter vorkommenden
Asteroiden. Vielmehr ist das Material, aus dem Phoebe aufgebaut ist,
weit draußen im Sonnensystem entstanden. Dort ist es so kalt,
dass diese chemischen Verbindungen aus flüchtigen Elementen überhaupt
stabil sind.
"Eines der ersten überraschenden Ergebnisse der Cassini-Mission
ist die Entdeckung der chemischen Ähnlichkeit der Oberflächenmaterialien
von Phoebe mit denen von Kometen. Dies zeigt, dass Phoebe höchstwahrscheinlich
aus dem äußeren Sonnensystem, vermutlich aus dem Kuiper-Gürtel,
stammt und nicht aus dem Asteroidengürtel. Damit gehört dieser
Körper zum ursprünglichsten Material im Sonnensystem überhaupt",
sagt Robert Brown, der VIMS-Teamchef von der Universität in Tucson.
Die Mächtigkeit der äußersten Stein- und Staubkruste
Phoebes wird auf maximal mehrere hundert Meter geschätzt, darunter
besteht der Kleinkörper zum größten Teil aus Wassereis.
Das Alter der Oberfläche beträgt vier Milliarden Jahre oder
mehr.

Mit dem Spektrometer VIMS, einem Instrument,
das die Wellenlängen des sichtbaren Lichts und des nahen und mittleren
Infrarots sehr genau analysieren kann, gelangen detaillierte Analysen
zur chemischen und mineralogischen Zusammensetzung des Saturnmondes Phoebe
(Bild: NASA/JPL/University of Arizona).
Die amerikanisch/europäische Planetenmission Cassini-Huygens erreichte
nach fast sieben Jahren und einer dreieinhalb Milliarden Kilometer langen
Reise den Saturn und schwenkte am 1. Juli 2004 in eine Umlaufbahn um
den zweitgrößten Planeten des Sonnensystems ein. Im Anflug
an den Ringplaneten hatte das Raumschiff am 11. Juni 2004 einen ersten,
fast unmittelbaren "Kontakt" mit einem der äußeren
Monde des Saturns, dem im Durschnitt nur 212 Kilometer großen
Mond Phoebe, in der griechischen Mythologie die "Tochter des Uranus",
eine Titanengöttin. Der Vorbeiflug erfolgte in nur 2068 Kilometer
Entfernung und eröffnete den zwölf wissenschaftlichen Instrumenten
an Bord von Cassini einmalige Beobachtungsmöglichkeiten: Die Bilder
von Phoebe zeigen einen von Kratern übersäten Trabanten, dessen
geologische Entwicklung und chemisch-mineralogische Zusammensetzung
wesentlich komplexer als angenommen zu sein scheint.

VIMS kann eine Oberfläche in 352 Farben vom sichtbaren Licht bis
weit ins Infrarote gleichzeitig abbilden. Alle Materialien reflektieren
Licht auf einzigartige Weise. So können Moleküle und Elementverbindungen
durch die charakteristischen Farben, die sie reflektieren oder absorbieren,
identifiziert werden. Damit ist es dem VIMS-Team gelungen in nur wenigen
Tagen nach dem Vorbeiflug die Zusammensetzung von Phoebe zu bestimmen.
Im VIMS-Team arbeiten Wissenschaftler aus den USA, Deutschland, Frankreich
und Italien zusammen. Das VIMS-Team Center ist an der University of
Arizona in Tucson, Arizona.
Schon lange vermuten die Wissenschaftler, dass Phoebe nicht an derselben
Stelle und aus demselben Material entstanden ist wie Saturn und die
meisten seiner Monde. Phoebe hat eine sehr ungewöhnliche Umlaufbahn
um Saturn, mit einer starken Neigung gegenüber dem Äquator
des Saturns und einer entgegen der Rotation des Planeten und seiner
Umlaufrichtung um die Sonne verlaufenden Eigenrotation. Auch bewegt
sich Phoebe bei seinen Saturnumrundungen entgegen der Richtung der anderen
Monde. Doch wenn Phoebe nicht im Saturnsystem entstanden ist, woher
kommt der Mond dann? So genannte kurzperiodische Kometen - mit Umlaufzeiten
um die Sonne von weniger als zweihundert Jahren - befinden sich zusammen
mit anderem primitivem Material aus der Entstehungsphase des Sonnensystems
weit jenseits der Neptunbahn und können durch Neptuns Gravitation
ins innere Sonnensystem geschleudert werden. Auf diesem Weg von weit
draußen zur Sonne kam Phoebe dem Saturn zu nahe und wurde von
dessen Gravitationskraft auf seine ungewöhnliche Umlaufbahn gezwungen.

Diese beiden Bildmosaike des Saturnmondes
Phoebe (aufgenommen mit dem Kamerasystem für das sichtbare Licht an
Bord der Raumsonde Cassini) zeigen die provisorischen Namen für 13 der
insgesamt 24 markantesten Krater des Mondes. Die Internationale Astronomischen
Union (IAU) hat sie den Kratern zugeornet. Als Namensgeber wählte die
IAU die Argonauten, Entdecker, die in der griechischen Mythologie auf
der Suche nach dem sagenhaften "Goldenen Fließ" waren. Der mit etwa
100 Kilometer größte Krater auf Phoebe ist nach Jason, dem Anführerer
der Argonauten, benannt. Phoebe ist in seiner größten Ausdehnung knapp
220 Kilometer groß (Bild: NASA/JPL/Space Science Institute).